Blockbuster und Storyworlds #1

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Avengers Einhörner

Illustration von Sarah Burrini.

Im letzten Jahr sorgten Steven Spielberg und George Lucas mit der These für Aufsehen, dass schon bald viele Blockbuster finanziell floppen und so eine Implosion der Filmwirtschaft herbeiführen würden. Die Folge: Es wird weniger, dafür aber größere Filmtheater geben. Ticketpreise steigen dramatisch, ein Kinobesuch wird in etwa mit einem Abend im Musical vergleichbar sein. Kinos zeigen nicht mehr nur Filme sondern übertragen auch Großereignisse: Sport-Events genauso wie Symphonie- und Rockkonzerte. Der Trend geht heute schon ganz klar in diese Richtung.

Und warum auch nicht. Dank der Digitalisierung haben wir große HD-Fernseher, auf die Anbieter wie iTunes, Netflix oder Amazon ein hochwertiges Programm liefern. Die Kinos sind dagegen die Paläste, in die wir uns begeben, um mit anderen Menschen sozial vernetzt zu sein und kollektiv Ereignissen beizuwohnen. Kleine Filme werden noch in wenigen Sälen ausgewertet, werden in Zukunft aber maßgeblich über Streaming- und Online-Dienste ihr Publikum im Heimkino finden. Die großen Filme dagegen müssen noch stärker als bisher die Masse bedienen und gleichzeitig jedes Mal so spektakulär und bedeutsam daherkommen, dass sie gegen Events wie Konzerte oder Sport bestehen können.

Die Zuschauer wollen genau wissen, was sie für ihr Geld geboten bekommen, wollen aber trotzdem überrascht werden. Um zum Musical-Vergleich zurückzukommen: Ich glaube, dort funktioniert das Geschäftsmodell schon seit vielen Jahrzehnten so. Seit den 80ern werden weltweit die gleichen MusicalErfolge mit wechselnder Besetzung gespielt ohne dass ein Publikumsschwund erkennbar wäre. Ich kenne mich im Musical-Markt nicht genug aus, aber es scheint mir, als hätten es neue Großproduktionen schwer, sich neben den etablierten zu positionieren. Und wenn sie es schaffen, dann handelt es sich um Musicals rund um bekannte DisneyFilme oder Rockalben und Evergreens. Gewohntes in neuer Form also.

Die Blockbuster-Produzenten passen sich diesem Zuschauerverhalten an. Sie bauen ihre Filme zu Großevents aus, die über Jahre hinweg immer weiter Gewohntes mit neuen Wendungen liefern. Die Gefahr ist, dass der Zuschauer gelangweilt wird und der Markt mit zu vielen ähnlichen Filmen übersättigt. Doch beides wird nicht eintreten, wenn die Dramaturgie der Storys geschickt auf diese groß angelegte Auswertung angepasst ist. Keine Firma ist darin momentan so gut wie Marvel. Ich bin der Meinung, dass die Blockbuster des altehrwürdigen Comic-Verlags – der mittlerweile zum Disney-Konzern gehört – neue Maßstäbe gesetzt haben, wie ein Unterhaltungsfilm funktionieren muss. Nirgendwo wird so clever kindliche Abenteuerlust mit tief gehender Gesellschaftsanalyse verknüpft. Die Marvel-Blockbuster sind intelligent, nehmen ihre Figuren ernst und sprühen vor Witz. Sie sind nicht weniger klug als die Batman-Filme von Nolan, sind aber trotzdem irrwitzige Achterbahn-Fahrten. Sie sind schriller, bunter und vielseitiger als alle Comic-Verfilmungen zuvor – und können daher auch deutlich länger und umfangreicher ausgeschöpft und lebendig gehalten werden.

Nachdem ich nun den Comic-Fan in mir ein paar euphorische Sätze habe schreiben lassen, aktiviere ich auch meinen inneren Filmanalytiker, der netterweise ein paar Worte dazu schreiben will, was die Marvel-Filme von vielen früheren Blockbustern unterscheidet. Das Geheimnis hinter dem Franchise ist, dass die einzelnen Filme keine Storys erzählen, die nach einem Film beendet sind und die nur schwer mit schlechteren Sequels weitererzählt werden können. So war es üblicherweise in den 80er und 90er Jahren der Fall. Ein erfolgreicher Blockbuster wurde so oft mit neuen Aufgüssen des Originals am Leben erhalten, bis das Franchise ausgereizt war. Dabei war es fast selbstverständlich, dass die Zuschauerzahlen mit jedem Sequel sanken und die Qualität von Film zu Film schlechter wurde. Es ging darum, eine Story auszuschlachten, nicht darum, sie über Jahre hinweg so lebendig zu halten, dass sie sich aus sich selbst heraus immer wieder erneuert.

Genau das ist das Ziel der Marvel-Filme. Sie sind weit davon entfernt, Aufgüsse zu sein. Vielmehr bestehen die Filme nebeneinander, wenn sie auch nicht gleichzeitig veröffentlicht werden. Die Marvel-Filme sind wie Tore, die sich im Kino für den Zuschauer öffnen und ihm Zugang zu einer großen Storyworld gewähren. Jeder Film führt zu einem anderen Teil dieser Welt. Hat der Zuschauer dann zwei abenteuerliche Stunden im Paralleluniversum verbracht, wird er wieder in die Realität entlassen – immer mit dem Gefühl, dass die Welt, die er gerade betreten hat, noch viel größer und spannender ist. Nicht umsonst gibt es nach dem Abspann jedes Marvel-Films immer noch eine kurze Bonus-Szene, in der der Zuschauer einen neuen Blick auf das Universum erhaschen darf.

So betritt der Zuschauer mit jedem Kinobesuch eine gewohnte Welt. Mal mit Iron Man, mal mit Hulk, mal mit Thor oder den Avengers – immer wieder eine neue Perspektive. Gewohntes prallt auf Überraschendes. So wie es im modernen Unterhaltungskino sein muss, um das Interesse lebendig zu halten.

Doch jeder Zusammenprall sorgt für eine Erschütterung der Storyworld, die tiefgreifende Konsequenzen hat. Darüber werde ich im nächsten Blog-Post zu diesem Thema schreiben.

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