Kinealistische Roadtrips mit Sauriern

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Da geht fast ein Jugendtraum in Erfüllung: Ich habe einen Artikel in einem Filmmagazin geschrieben, das Steven Spielberg auf dem Cover hat. Und mein Artikel wurde dann sogar mit dem T-Rex aus Jurassic Park illustriert!

Für das wunderbare Heft KINEMALISMUS habe ich einen Text über die nostalgischen Gefühle geschrieben, die ich (und gefühlt meine ganze Generation) den Filmgeschichten aus den 80er Jahren gegenüber haben. Ein Text, warum die Stories vom Steven mit V (Spielberg) und die vom Stephen mit PH (King) mich bis heute nicht loslassen. Entstanden ist der Artikel auf unserer Hochzeitsreise durch Neuengland im letzten Jahr, so dass er irgendwie auch ein Reisebericht ist.

Wer cool ist und auch noch viele weitere tolle und wunderbar illustrierte Artikel über das Kino der 80er Lesen möchte, kann das Heft hier auf kinemalismus.de bestellen.

Uncooler (und T-Rex ärmer) ist es, meinen Text gleich hier zu lesen:

Roadtrips in die Vergangenheit

Wie die 80er Jahre ganz nostalgisch in Filmen und der Serie „Stranger Thins“ wieder zurückkehren

von Christoph Mathieu

Ich schreibe diesen Text während eines Roadtrips durch Neuengland. Vor drei Tagen hat der Nachtfrost dafür gesorgt, dass die Bäume hier nicht nur grün sondern auch gelb und rot leuchten. Das sieht das tatsächlich noch schöner als, als meine Frau und ich es uns vorgestellt haben – es ist unsere Hochzeitsreise. Für mich ist es aber auch eine Reise zurück in meine Teenager-Zeit: Während des Trips hören wir Hörbücher amerikanischer Ostküsten-Autoren, und kürzlich sind wir bei Stephen Kings „Brennen muss Salem“ angelangt. Anders als der deutsche Titel impliziert, handelt der Roman weder von einem Feuer noch von der neuenglischen Stadt Salem, die wir erst gestern durchfahren haben und die auf sehr fragwürdige Weise ihre (vorsichtig gesagt) unrühmliche Rolle zu Zeiten der Hexenverbrennung mit Plastik-Souvenirs und einem Hexen-Event-Museum vermarktet.

„Brennen muss Salem“ heißt im Original „Salem’s Lot“ – die Stadt wird vom Vampiren heimgesucht. Eine typische King-Story also, von denen ich zwischen 14 und 20 unzählige gelesen habe. Das Hörbuch und die gleichzeitige Aussicht auf den neuenglischen Herbst versetzen mich auf eine Zeitreise ans Ende der 90er Jahre, als ich neben den Wirren der Pubertät auch die King’sche Fantasiewelt für mich entdeckte, in der stets in einem sehr realistisch charakterisiertem Maine ein sehr surreales Tor zur Hölle aufgerissen wird.

Während wir durch Kleinstädte in New Hampshire und Maine fahren, deren weiße Holzhäuser mit der abblätternden Farbe noch genauso wirken wie in dem Buch aus den 70er Jahren beschrieben, beschleicht uns nicht selten der Eindruck, dass sich hinter einigen grauen Fenstern der offensichtlich (oder vermutlich…) leerstehenden Behausungen Vampirgeschichten abspielen könnten. Die Realität um uns herum und die King’sche Fantasie scheinen sich gut zu befruchten. Der nachhaltige Erfolg des Autors lässt sich über diese tiefe Verwurzelung in der Realität und seiner Heimat erklären – dass ich während der Reise nostalgisch werde ebenfalls. Hat es etwas zu bedeuten, dass ich auf meiner Hochzeitsreise Geschichten neu entdecke, die mich in meiner Jugend besonders fasziniert haben? Dass ich an einem vermeintlichen Wendepunkt meines Lebens sogar die Orte bereise, an denen sie entstanden sind?

Ich habe mich eigentlich nie als nostalgischen Menschen begriffen und doch scheine ich es jetzt zu werden. Und ich hab‘ den Eindruck, mir geht es nicht allein so. Ich erinnere mich, dass im letzten Jahr der Tag, an dem Marty McFly in „Zurück in die Zukunft 2“ das Jahr 2015 erreicht, als Großereignis in vielen Kinos gefeiert wurde. In diesem Jahr haben mir bereits einige Freunde Veranstaltungs-Einladungen auf Facebook zu Wiederaufführungen des High School-Films „Ferris macht blau“ geschickt – der Film wird 30 Jahre alt. Somit ist er nur wenig jünger als „Ghostbusters“, dessen Remake Anfang des Jahres für eine Petetionsflut gesorgt hat, da – und auch das hat wahrscheinlich mehr mit Nostalgie als bewusster Frauenverachtung zu tun – es mit einer weiblichen Crew im Mittelpunkt das Original für viele zu stark verfremdet hat.

Nicht nur im Kino geht es nostalgisch zu, auch Netflix reist in die Vergangenheit: „Stranger Things“, die Serie, in der ein paar Jungs aus den 80ern mit übernatürlichen Phänomenen und Mädchen konfrontiert werden, war für den Streaming-Diest der größte Hit des Jahres. Die Show schlägt den Bogen zurück zu meinem ganz persönlichen Nostalgie-Trip durch Neuengland: Die Substanz der Serie ist die Erinnerung an schaurige Stephen King-Stories. Das Übernatürliche kriecht hier aus einem Dimensionsloch, das von skrupellosen Wissenschaftlern aufgerissen wurde, und fällt über eine amerikanische Kleinstadt und ihre Bewohner her. Das Thema der Serie könnte also sein, dass die Wissenschaft es zu weit getrieben und mit einem zu starken Technikglauben alte Geister beschworen hat. Ein nicht untypisches Thema von 80er Jahre-Klassikern: Es findet sich nicht nur in King-Stories wie „Firestarter“ wieder, auch David Cronenberg hat in Filmen wie „Videodrome“ oder „Body Snatchers“ moderne Technologie mit übernatürlichen Geisterphänomenen oder Monsterhorror-Geschichten verknüpft. In Tobe Hoopers Poltergeist kam das Übernatürliche durch einen Fernseher, in „Ghostbusters“ wird Neutronen-Strahlenpower gegen uralte Wesen eingesetzt, die New York terrorisieren. Eine atomar betriebene Zeitmaschine in „Zurück in die Zukunft“ beschwört nicht nur die Geister der Vergangenheit sondern gleich die ganze Vergangenheit. Ihren Höhepunkt fand die Thematik schließlich 1993 in „Jurassic Park“, wo ganz wortwörtlich mit moderner Technik die Geister der ältesten Wesen unseres Planeten („Weiß es jemand, weiß es jemand? Richtig, die Dinosausier!“) wiedererweckt werden.

Auf „Jurassic Park“ folgte das Jahrzehnt des postmodernen Kinos. Tarantinos „Pulp Fiction“ bediente sich aus Elementen des 60er und 70er Jahre Films und arrangierte sie neu, erschuf Filmkosmen, die zugleich nostalgisch wie auch modern waren. Dieses postmoderne Kino hat letztlich Serien wie „Stranger Things“ möglich gemacht. Wie ihre 80er Jahre-Vorbilder hat die Serie ebenfalls den Konflikt zwischen Technik und Geisterwelt als Element – doch im Gegensatz zu den Vorbildern ist der Konflikt hier nicht das zentrale Thema. „Stranger Things“ ist eine Meta-Serie, deren Thema die Nostalgie ist. Sie wählt ihr Setting, ihren Inhalt, ihre Musik, ihre Ausstattung und alles andere nur danach aus, möglichst originalgetreu einer 80er Jahre Stephen King-Verfilmung zu entsprechen – ganz so wie in einem guten Film ansonsten alle künstlerischen Entscheidungen auf das zentrale Thema bezogen werden.

Ähnliches ist im letzten Jahr auch mehrfach im Kino geschehen: Der „Jurassic Park“ wurde  neueröffnet, doch in „Jurassic World“, dem vierten Teil der Reihe, stand erstmalig nicht das Thema „Die Wissenschaft treibt es zu weit“ im Zentrum sondern die Nostalgie. Im Mittelteil des Films finden die Hauptfiguren in der Jurassic World die Requisiten des Jurassic Parks – darunter auch einen Jeep, mit dem sie eine kleine nostalgisch angehauchte Flucht unternehmen. Auf eine solche Flucht begab sich 2012 auch schon James Bond mit seinem alten Aston Martin in „Skyfall“. Die Nostalgie ist auch Herzstück des neuen „Star Wars“-Films. „Chewie, wir sind zu Hause“, sagt Han Solo im zweiten Akt ganz gerührt und bezieht sich natürlich nicht nur auf sein wiederentdecktes Raumschiff sondern auch auf den ersten „Star Wars“-Film von 1977.

„Jurassic World“, „Skyfall“ und „Star Wars – The Force Awakens“ gehörten alle zu den erfolgreichsten Filmen ihres Franchises. Nostalgie verkauft sich gut – und hat es schon immer getan. Schon der erste „Star Wars“-Film war ein nostalgischer Film, der in der rauen und naturalistischen New Hollywood-Ära die Epoche der 30er und 40er-Jahre Sci Fi-Pulp-Filme aufleben ließ.

Viele Kino-Klassiker weisen nostalgische Elemente auf: Marty McFly bereist ein sehr idealisiertes 50er Jahre-Amerika, die „Titanic“ fährt unter pompöser Synthie-Musik in nostalgische Gewässer – und fast alle Stephen King-Klassiker haben den nostalgischen Rückblick als Element. „The Green Mile“ erzählt eine Geschichte in den 30er Jahren, „Es“ blickt in die 50er zurück, genau wie der Sonntags-Nachmittags-Klassiker „Stand by me“.

Neu ist, dass in aktuellen Filmen oder in „Stranger Things“ nicht auf eine bestimmte Epoche oder einen Lebensabschnitt zurückgeblickt wird, sondern auf die Filme und Geschichten selbst. Dass ich während meiner USA-Reise Stories aus meiner Jugend höre, zeigt mir, dass es einen großen Wert hat, Geschichten, denen man Bedeutung beimisst, unter neuen Umständen noch einmal zu hören. Geschichten können Gradmesser sein, mit denen wir unser eigenes Leben, unsere Haltung unsere Sichtweisen und unsere Weiterentwicklung abgleichen. Darum müssen wir uns wohl manche von ihnen immer wieder neu erzählen. Und darum schlagen diese Geschichten auf die eine oder andere Weise immer einen Bogen zur Vergangenheit. Oder anders gesagt: Wie in Salem aus der Hexen-Historie ein Touri-Event gemacht wird, verpacken wir unsere Vergangenheit in dramatische Ereignisse – irgendwie müssen wir ja damit fertig werden.

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