Warum es keine guten Bösewichte mehr gibt – meine Analyse im neuen Kinemalismus-Magazin

Endlich ist die vierte Ausgabe des liebevollsten Filmmagazins Deutschlands erschienen. KINEMALISMUS heißt es, beschäftigt sich diesmal mit Filmbösewichten, und ich durfte wie schon in Nummer 3 einen ausschweifenden Text beisteuern.

Darin analysiere ich, warum die meisten Filmbösewichter heute schwächer auf der Brust sind als noch in den 80ern. Den Artikel könnt ihr hier lesen, schöner illustriert und umgeben von zahlreichen weiteren tollen Texten findet ihr ihn aber nur in der vierten Ausgabe von KINEMALISMUS, die ihr hier bestellen könnt.

 

Als mit den Antagonisten die Romantik starb

Große Bösewichter werden von pompöser Filmmusik begleitet – beides ist in aktuellen Blockbustern immer seltener zu finden

Na? Welche Filmmusik ist das? Da-da, da-da, da-da…

Klar: „Der Weiße Hai“. War nicht schwer zu erraten. Denn immerhin stammt die eingängige Komposition von John Williams. Und kein Filmkomponist hat wohl mehr Melodien geschrieben, die mitgepfiffen- und gesummt werden. Alleine die Themen von „Der Weiße Hai“, „Indiana Jones“ und „Star Wars“ platzieren Williams noch vor Ennio Morricone (Mitpfeif-Hit Nr. 1: „Spiel mir das Lied vom Tod“) und Nino Rota, der mit dem Thema zu „Der Pate“ zwar in die Mitpfeif-Top-Fünf kommt, aber leider nur ein One-Hit-Wonder ist. Williams bietet dagegen pro Film oft mehrere Mitpfeif-Hits.

„Star Wars“ hat nicht nur die fulminante Eröffnungs-Fanfare sondern unter anderem auch den pompösen „Imperialen Marsch“ zu bieten – die ultimative Antagonisten-Hymne. Will man jemanden als das absolut Böse kennzeichnen, legt man diese Musik über sein Bild (natürlich nur, wenn man zu anständig ist, anderen Leuten Hitler-Bärte ins Gesicht zu malen). John Williams’ Melodien sind zeitlos und einprägsam, da Williams sie meisterhaft aus dem Wesenskern der Filmfiguren extrahiert. Hören wir den „Imperialen Marsch“, dann sehen wir Darth Vader vor unserem geistigen Auge. Erklingt das schmissige „Indiana Jones“-Thema, können wir nicht anders als an den Mann mit Hut und Peitsche zu denken. 

Umgekehrt heißt das auch, dass John Williams‘ Melodien dazu einladen, auf die Charaktere, die sie beschreiben, Rückschlüsse zu ziehen. Der „Imperiale Marsch“ ist etwa ein dynamisches aufdringliches Thema, das in einem harten Rhythmus nach vorne prescht und jeden Hörer ohne großes Vorspiel gleich überrollt – so wie es Darth Vader mit seinen Gegnern tut.

Kylo Ren, der dunkle Ritter aus den Star Wars-Episoden 7 und 8, will das Erbe von Darth Vader antreten. Doch das Thema, das John Williams für ihn komponiert hat, ist lange nicht so einprägsam und eindrucksvoll wie der Imperiale Marsch. Und das nicht etwa, weil John Williams mit über 86 Jahren keine schmissigen Melodien mehr einfallen würden. Es ist vielmehr so, dass Kyo Ren nach einer einfacheren Melodie verlangt. Sein Thema klingt bedrohlich, ist aber dennoch zurückhaltend. Im Kern sind es sind lediglich fünf Töne, die von einer einzelnen Trompete geblasen werden.

Nach dem letzten Ton erwartet der Hörer, dass sich die Melodie auf eine höhere Ebene schwingt, so wie es der Imperiale Marsch tut. Doch stattdessen bricht das Thema einfach ab. Und so passt es perfekt zu der Figur, deren Wesen es abbildet: Kylo Ren in kein ausgereifter Antagonist wie Darth Vader. Er ist ein unentschlossener Charakter. „Innerlich zerrissen“, wie er seinem Vater Han Solo in „Star Wars Episode 7“ sagt, kurz bevor er ihn tötet. Und selbst diesen Mord vollzieht er nur mit scheinbarer Entschlossenheit, denn die Reue nagt unaufhörlich an Kylo Ren.

Das unterscheidet ihn im Kern von seinem Vorbild Darth Vader: Vader ist zu einer Maschine geworden, die unfähig ist, Reue zu empfinden. Er ist der ultimative Antagonist, der Kylo Ren gerne wäre.

Der klassische Blockbuster ist über viele Jahrzehnte dem dramaturgischen Pfad der Heldenreise von Joseph Campbell gefolgt. Manch einer würde sagen, dass dem Pfad schon so oft gefolgt wurde, dass er mittlerweile recht ausgetreten ist. Die Heldenreise lässt viele unterschiedliche Geschichten zu, doch ihre Stationen sind immer gleich: Ein Held – seltener eine Heldin – bricht aus der gewohnten und sicheren Tagwelt in eine unbekannte Nachtwelt auf. Hier trifft er auf seine dunkelsten Ängste, die der Held überwinden muss, um gestärkt und gereift in die Tagwelt zurückkehren zu können. Und wer verkörpert die dunkelsten Ängste? Natürlich: Der Antagonist! In Star Wars eben Darth Vader, der von einem Sohn Luke demaskiert wird.

In den neuen Blockbustern, wie sie vor allem von Disney für das Marvel- und das Star Wars-Franchise produziert werden, wird vom Pfad der Heldenreise immer öfter in unbekannteres Terrain abgebogen, was nicht selten zu engagierten Diskussionen in Online-Fan-Foren führt. So hat die neue Star Wars-Heldin Rey in Kylo Ren etwa keinen Antagonisten sondern einen Verbündeten. Rey und Kylo sind beide auf ihrer eigenen Heldenreise, wobei sie zwar gegeneinander arbeiten, aber keineswegs jeweils die tiefste Angst des anderen verkörpern. Vielmehr teilen sie ihre Ängste miteinander: Beide fühlen sich von der Elterngeneration im Stich gelassen.

Kylo wurde von seinen Eltern Han und Leia an Luke abgegeben, der sich wiederum gegen ihn gewandt hat. Um noch einmal auf die Filmmusik zurückzukommen: Kylo Rens Thema ist nicht zufällig auch eine düstere Variation des unbekannteren Han- und Leia-Themas aus „The Empire strikes back.“ Rey wurde von ihren Eltern ausgesetzt, hat ihren Ersatzvater Han Solo verloren, kaum dass sie ihn kennenlernte und wird von ihrem Mentor Luke Skywalker schwer enttäuscht. Rey und Kylo durchleben dasselbe Schicksal.

Im letzten Star Wars Film „The Last Jedi“ verbünden sie sich sogar kurz, als sie erkennen dass sie sich jeweils verlassen fühlen. Ein Moment, der sich ähnlich wahrhaftig anfühlt wie das legendäre „Ich bin dein Vater“ aus „The Empire strikes back“. Kylo Ren und Rey überwinden sich nicht gegenseitig, sondern sie schließen sich gegen ein System zusammen, das von den alten Helden errichtet wurde und dem sie sich ihren Platz erkämpfen müssen.

Ganz ähnlich ist es bei den Marvel-Filmen. Immer wieder beklagen Fans der Reihe, dass die Antagonisten in den Filmen zu schwach und zu wenig bedrohlich sind. Das ist richtig, ein starker Schurke von der Qualität eines Darth Vader wurde im Marvel-Filmuniversum noch nicht geschaffen. Aber das ist schwer möglich, denn auch die Marvel-Helden durchlaufen keine klassische Heldenreise, sondern vertreten stattdessen gesellschaftliche und politische Standpunkte, die sie mit- und gegeneinander ausfechten.

In dem Film „Civil War“ einen fulminanten Kampf der beiden Helden Captain America und Iron Man, die bis aus Blut ausfechten, wer den richtigen Blick auf das System hat, in dem sie als Superhelden einen Platz finden wollen.

Sowohl in Star Wars als auch in den Marvel-Filmen kämpfen die Helden um ihre Rolle in komplexen Welten, in denen die politischen Machtverhältnisse nicht mehr klar gut oder böse sind. In diesen Stories ist es nicht ohne weiteres möglich, zwischen Protagonisten und Antagonisten zu unterscheiden. Die Blockbuster sind weniger naiv geworden – und somit auch weniger romantisch.

Wenn er gestärkt aus seinem Abenteuer zurückkam, wurde der Held in der klassischen Heldenreise  oft mit der großen romantischen Liebe belohnt. Ein Kuss, über den bis in die 70er Jahre noch gerne zu anschwellender Geigenmusik „The End“ eingeblendet wurde, beendete große Kinofilme. Doch weder die aktuellen Marvel- noch die neuen Star Wars-Filme bieten eine große romantische Liebesgeschichte. Ein verschämter Kuss hier und da, Iron Man und Thor führen unromantische On-Off-Beziehungen und die theoretischen Liebesdreiecke, die in Star Wars zwischen Rey und ihren Kameraden Finn und Poe angelegt wurden, bleiben nur theoretisch.

Die Helden kämpfen nicht mehr für die Liebe oder die große Romantik, sie sind politischer und gesellschaftlich verantwortungsvoller geworden. Sie brauchen weder Liebhaber noch Antagonisten, um spannende Geschichten zu erleben. Diese Entwicklung ist hoch interessant – nur um den „Imperialen Marsch“ ist es schade.

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